Der Nervus Vagus – warum er so wichtig ist und wie wir ihn gezielt unterstützen können
- sandrahirschberger
- 2. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 11. Dez. 2025
Aktualisiert mit neuen Einsichten zum autonomen Nervensystem: Von Natur aus beruhigend. Von der Wissenschaft bestätigt. Von der Osteopathie seit Jahrzehnten behandelt.
Und trotzdem wird, wenn es um den Nervus Vagus geht, vieles zu simpel dargestellt. Er ist ein zentraler Teil des parasympathischen Nervensystems – ja. Aber er ist nicht der alleinige Held. Das autonome Nervensystem ist ein fein abgestimmtes Zusammenspiel, in dem auch der Sympathikus eine große und oft unterschätzte Rolle spielt.

Warum der Vagus wichtig ist – und warum der Sympathikus genauso dazugehört
Der Nervus Vagus ist einer der längsten Nerven des Körpers. Er verbindet Gehirn, Herz, Lunge und Verdauungsorgane und unterstützt Funktionen wie Erholung, Verdauung, Regeneration und emotionale Balance.
Gleichzeitig bildet der Vagus nur eine Hälfte des autonomen Nervensystems. Die andere Hälfte ist der Sympathikus, der keineswegs nur Stress und Unruhe erzeugt. Beide Systeme greifen ineinander, regulieren unterschiedliche Körperbereiche und arbeiten im Idealfall harmonisch zusammen.
Missverständnis 1
Der Vagus als „Guter“ und der Sympathikus als „Schlechter“
Viele Vorstellungen über das autonome Nervensystem sind zu stark vereinfacht. Der Sympathikus wird oft als reine Stress- oder Alarminstanz angesehen, dabei ist er enorm vielseitig. Er sorgt dafür, dass wir reagieren, handeln, denken und leistungsfähig bleiben.
Spannend: Aktivität im Sympathikus kann sogar Schmerz reduzieren. Forschungen zeigen, dass der Sympathikus im Rückenmark hemmende Effekte auf Schmerzsignale haben kann und auch periphere Entzündungen beeinflusst.
„Der Sympathikus ist nicht der Gegenspieler des Wohlbefindens – er ist Teil seiner Grundlage.“
Erst wenn Regulation gestört ist, zum Beispiel durch langanhaltende Belastung, chronische Entzündungen oder emotionale Anspannung, kann sich die Rolle des Sympathikus verändern und Beschwerden verstärken. Das Problem liegt dann nicht im Sympathikus selbst, sondern in der gesamten Balance des Nervensystems.
Missverständnis 2
Wenn der Sympathikus aktiviert ist, müsste der Vagus abgeschaltet sein
Auch dieses Bild ist irreführend. Sympathikus und Parasympathikus arbeiten nicht wie zwei Enden einer Wippe, bei der ein System automatisch gewinnen muss. Sie agieren oft unabhängig voneinander, und in vielen Bereichen des Körpers ist der Vagus überhaupt nicht beteiligt. Dort regelt der Sympathikus sämtliche Abläufe – völlig normal.
„Sympathikus und Parasympathikus sind keine ständigen Gegner, sondern zwei Systeme, die parallel aktiv sein können.“
In der Realität ergänzen sie sich viel häufiger, als dass sie sich blockieren.
Wenn die Regulation aus der Balance gerät
Ein eingeschränkter oder unteraktiver Vagus kann sich unter anderem zeigen durch:
innere Unruhe
gestörte Verdauung
Schlafschwierigkeiten
erhöhte Stressanfälligkeit
Doch diese Symptome bedeuten nicht automatisch, dass der Sympathikus „überdreht“. Häufig geht es um ein komplexes Zusammenspiel aus beiden Systemen – und um die Fähigkeit des Körpers, zwischen Aktivität und Entspannung flexibel wechseln zu können.
Osteopathie & der Vagusnerv
In der Osteopathie wird seit langer Zeit mit Strukturen gearbeitet, die die Regulation des autonomen Nervensystems beeinflussen – nicht nur den Vagus. Dazu gehören:
Techniken an der Schädelbasis
Mobilisation des Zwerchfells
Behandlung von Brustkorb und oberer Halswirbelsäule
viszerale Techniken an Organen
das Lösen faszialer Spannungsmuster
Ziel ist es immer, die gesamte Balance des autonomen Nervensystems zu verbessern.
Techniken, die man selbst anwenden kann
Neben therapeutischen Behandlungen gibt es einfache Übungen für den Alltag, die den Vagusnerv im Alltag aktivieren:
Atemübungen
Z. B. 4 Sekunden einatmen, 6–8 Sekunden ausatmen.
Brustkorb mobilisieren
und dabei alle Atemräumen ausnutzen, gibt mehr Freiraum.
Summen oder singen
Die Vibrationen wirken direkt auf den Vagusnerv, der beim Kehlkopfbereich verläuft.
Kälteanwendungen
Ein paar Sekunden kaltes Wasser im Gesicht oder am Nacken, kurze Wege ohne Jacke oder Eisbaden – wissenschaftlich gut untersucht zur Vagusaktivierung.
Sanfte Nacken- und Augenbewegungen
Bestimmte Neuralglide-Techniken können die Vagusfunktion verbessern.
Gargling / Gurgeln
Eine einfache Methode, die Vagusfasern im Rachen stimuliert.
Zungenruhelage
Die korrekte Zungenruhlage erlernen und möglichst immer einnehmen.
Buchtipp: „Der Selbstheilungsnerv“ von Stanley Rosenberg
Das Buch von Rosenberg ist inzwischen ein Klassiker, wenn es um das Verständnis des Nervus Vagus geht. Er erklärt anschaulich die Polyvagal-Theorie, zeigt Übungen und gibt Struktur in ein Thema, das für viele sehr neu ist.
Moderne Unterstützung: Vagus-Stimulationsgeräte testen
Neben manuellen und natürlichen Methoden gibt es mittlerweile auch nicht-invasive Vagusnerv-Stimulationsgeräte, die in Studien vielversprechende Ergebnisse zeigen:
✓ bei Migräne & Kopfschmerzen
✓ bei Schlafproblemen
✓ bei Magen-Darm-Beschwerden
✓ bei Stress, Angst & Nervosität
✓ bei kognitiven Beschwerden, z. B. in frühen Stadien der Demenz
In der Praxis gibt es die Möglichkeit, ein Vagus-Stimulationsgerät auszuprobieren und zu sehen, wie der Körper darauf reagiert.
Es ersetzt keine Therapie, kann aber eine wertvolle Ergänzung sein – besonders bei chronischen Beschwerden oder wenn das Nervensystem ständig im Stressmodus steckt.
Der Nervus Vagus ist ein faszinierendes Bindeglied zwischen Körper und Psyche – und gleichzeitig ein mächtiger Schlüssel für Gesundheit und innere Balance. Osteopathische Behandlungen, gezielte Übungen und moderne Technologien können dabei helfen, ihn zu aktivieren und in seine natürliche Kraft zu bringen.
Wer den Vagusnerv versteht, versteht ein großes Stück Gesundheit.




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