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Myofunktionelle Therapie bei Migräne – welche Rolle Zunge und Zungenruhelage spielen

Migräne gehört zu den häufigsten neurologischen Beschwerden und stellt für viele Betroffene eine große Belastung im Alltag dar. Oft werden verschiedene Ursachen diskutiert, etwa hormonelle Einflüsse, Stress oder Ernährung. Ein Bereich, der dabei häufig wenig Beachtung findet, ist der Mund- und Kieferraum – insbesondere die Funktion der Zunge und ihre Position im Ruhezustand.

Myofunktionelle Therapie bei Migräne
Myofunktionelle Therapie bei Migräne

Die sogenannte myofunktionelle Therapie beschäftigt sich genau mit diesem Zusammenspiel. Sie betrachtet die Abläufe rund um Zunge, Atmung, Schlucken und Muskelspannung im Gesicht und Kiefer. Ziel ist es, ungünstige Bewegungs- und Haltungsmuster zu erkennen und schrittweise zu verändern.

Ein zentraler Aspekt ist dabei die Zungenruhelage. Im Idealfall liegt die Zunge entspannt am Gaumen, das vordere Drittel der Zunge befindet sich hinter den oberen Schneidezähnen, die Lippen sind locker geschlossen und die Atmung erfolgt durch die Nase. In der Realität zeigt sich jedoch bei vielen Menschen eine andere Ausgangssituation. Die Zunge liegt häufig zu tief im Mund, hat keinen flächigen Kontakt zum Gaumen oder arbeitet einseitig. Manchmal entsteht auch kein stabiler Unterdruck, der für eine ruhige Position notwendig wäre.

Diese Abweichungen wirken sich nicht nur lokal im Mundraum aus. Die Zunge ist über mehrere Hirnnerven eng mit dem Gehirn verbunden, unter anderem über den Trigeminusnerv, der eine wichtige Rolle in der Schmerzverarbeitung im Kopfbereich spielt. Veränderungen in der Zungenposition können daher auch die Art und Weise beeinflussen, wie Reize im Nervensystem verarbeitet werden. In diesem Zusammenhang wird auch von zentraler Sensibilisierung gesprochen, bei der das Nervensystem auf wiederkehrende Reize zunehmend empfindlicher reagiert.

Hinzu kommt, dass die Zunge funktionell in ein größeres muskuläres und fasziales System eingebunden ist. Über den Mundboden besteht eine Verbindung zum Zungenbein, welches wiederum in enger Beziehung zur Hals- und Nackenmuskulatur steht. Eine ungünstige Zungenruhelage kann dadurch Spannungsverhältnisse verändern und sich auf die Kopfhaltung auswirken. Viele Menschen reagieren darauf mit unbewussten Kompensationen, die sich im Nacken oder im Kieferbereich zeigen.

Auch die Atmung spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Eine stabile Zungenlage am Gaumen unterstützt die Offenhaltung der oberen Atemwege und begünstigt die Nasenatmung. Liegt die Zunge hingegen tiefer oder instabil im Mund, kann dies die Atemmechanik beeinflussen. Eine vermehrte Mundatmung wiederum steht in Verbindung mit einer erhöhten Aktivität des Stresssystems, was sich langfristig auf die Regeneration und auch auf die Anfälligkeit für Migräne auswirken kann.

Ein weiterer Aspekt ist das Schluckmuster. Der Mensch schluckt täglich bis zu zweitausend Mal. Wenn die Zunge dabei nicht physiologisch arbeitet, sondern beispielsweise gegen die Zähne drückt oder einseitig aktiv ist, entstehen immer wieder kleine Fehlbelastungen. Diese summieren sich im Laufe des Tages und können zu einer dauerhaften Überaktivität bestimmter Muskelgruppen führen.

Aus therapeutischer Sicht ergibt sich daraus ein komplexes Bild. Nicht jede Migräne hat ihre Ursache im Bereich der Zunge oder des Kiefers. Dennoch zeigt sich in der Praxis, dass funktionelle Auffälligkeiten in diesem Bereich ein relevanter Faktor sein können. Besonders dann, wenn zusätzlich Beschwerden wie Kieferknacken, Nackenverspannungen, einseitige Zungenprobleme oder eine instabile Atmung vorhanden sind.

Die aktuelle Studienlage entwickelt sich weiterhin, liefert jedoch bereits wichtige Hinweise. Myofunktionelle Therapie kann die Koordination und Kraft der Zunge verbessern und wird unter anderem auch in der Schlafmedizin eingesetzt, um die Stabilität der Atemwege zu fördern. Zudem zeigen Untersuchungen, dass Zusammenhänge zwischen craniomandibulären Dysfunktionen und Kopfschmerzen bestehen. Erste Ansätze deuten darauf hin, dass eine Verbesserung orofazialer Funktionen auch positive Effekte auf Kopfschmerzen haben kann.

Die Zunge nimmt im Gehirn eine besondere Stellung ein. Sie ist stark sensorisch repräsentiert und liefert kontinuierlich Informationen über Druck, Position und Spannung. Dadurch wird deutlich, dass sie nicht nur eine Rolle beim Sprechen oder Schlucken spielt, sondern aktiv an der Regulation verschiedener Körperfunktionen beteiligt ist.

Ich bin keine Logopädin - Im Rahmen meiner Arbeit in der Kiefertherapie beschäftige ich mich jedoch intensiv mit myofunktionellen Zusammenhängen und deren Einfluss auf den gesamten Körper. Dabei geht es vor allem darum, funktionelle Muster zu erkennen und individuell einzuordnen, ob sie bei bestehenden Beschwerden eine Rolle spielen könnten.

Die Betrachtung der Zungenruhelage kann somit ein zusätzlicher Baustein sein, um komplexe Beschwerdebilder besser zu verstehen und gezielt zu begleiten.

 
 
 

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